Eine Frau in einer Apotheke.
Inge Göttling hat bei dem Jahrhunderthochwasser 2021 ihre Apotheke verloren. Foto: action medeor

Jahrestag der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal: Drei Geschichten, die Mut machen

Zum fünften Jahrestag der Flutkatastrophe in Westdeutschland berichten drei Betroffene aus der Region, wie sie von der Hilfe von action medeor profitiert haben.

Das Jahrhunderthochwasser in Deutschland bedeutete im Sommer 2021 den Tod von fast 200 Menschen und bleibt bis heute unvergessen. Besonders in Rheinland-Pfalz und Nordrhein Westfalen bedeutete es dramatische Folgen, zerstörte es zum Teil ganze Dörfer. Zahlreiche Menschen verloren dabei nicht nur Angehörige und Freunde, sondern auch ihr Zuhause. 

Bis zum 14. Juli 2021 war action medeor bis dato noch nicht in Deutschland tätig. Doch die akute Not zahlreicher Menschen machte damals schnell klar, dass auch das Tönisvorster Hilfswerk Hilfe leisten und sich vor allem beim Wiederaufbau von Gesundheitsstrukturen engagieren wird. Drei Protagonist:innen erinnern sich heute an den schicksalhaften Sommertag zurück und berichten, wie sie auch durch die Unterstützung der "Notapotheke der Welt" einen Neuanfang starten und ihre Gesundheitsdienste wieder aufbauen konnten.

„Wir hatten keine Straßen, keine Autos – wir haben improvisiert“

Uwe Szymanski ist Leiter der Sozialstation Adenau-Ahrtal, die mit einem mobilen Pflegedienst ältere Menschen in der Region versorgt und dabei auch entlegene Dörfer anfährt. Er erinnert sich noch gut an den Moment zurück, als er realisierte, dass das Hochwasser in dem Ort die Infrastruktur, Straßen und sogar die Autos des mobilen Pflegedienstes vollständig zerstört hatte. „Es war echt übel. Es war die Katastrophe schlechthin in einem Ausmaß, wie wir das hier noch nie erlebt haben.“

Markus Bremers, Pressesprecher von action medeor, hat Szymanski zum fünften Jahrestag interviewt. action medeor hat ihn und seinen Pflegedienst nicht nur mit einem Stützpunkt und einem Auto, sondern auch beim Bau der Tagespflegeeinrichtung "Mittendrin" in Hönningen-Liers unterstützt.

Was war damals Ihre Vorstellung davon, wo Sie in fünf Jahren stehen würden?

In dem Augenblick habe ich gedacht: Wir sind in Deutschland, bei uns geht das alles sehr schnell und in kürzester Zeit wird das alles wieder sehr gut sein. Was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht überblicken konnten, war, was mit den Menschen über Nacht geschehen ist. Egal, ob es unsere Patienten oder unsere Mitarbeitende waren – jeder hatte auf irgendeine Weise etwas verloren. Menschenleben, Angehörige, materielle Dinge. Und dann die psychischen Schäden, die entstanden sind. Die sind so immens gewesen, das haben wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abschätzen können.

Welche Bedeutung hatte in der ersten Phase die Unterstützung von action medeor?

Der Kontakt zu action medeor war ein absoluter Glückgriff, das kann ich nicht anders sagen. Wir sind so dankbar für die Hilfe, die wir von action medeor bekommen haben. Ich hätte nie gedacht, dass wir auch so unbürokratische und schnelle Hilfe bekommen konnten. Man ist auf unsere Sorgen und Bedürfnisse eingegangen. Das hat uns sehr viele Sorgen von den Schultern genommen in dieser Zeit.

Wie wäre die Situation gewesen, wenn es diese Hilfe nicht gegeben hätte?

Ich glaube, wir wären sehr hilflos gewesen – hilflos bis verzweifelt. Wir haben sehr viele schnelle Entscheidungen treffen müssen zu der Zeit. Wenn wir die Hilfe von action medeor nicht gehabt hätten, hätte die pflegerische Versorgung der Menschen in der Region noch eine ganze Zeit länger gedauert. Ich kann auch nicht ausschließen, dass in der Folge dessen dann noch mehr Menschen gestorben wären, weil sie keine adäquate Hilfe bekommen hätten.

Welche Bedeutung hat die Tagespflegeeinrichtung für die Menschen hier in der Region?

Die Tagespflegeeinrichtung ist ein großes Glück für die Menschen hier in der Region. Ich habe es auch ehrlich gesagt bis letztes Jahr kaum geglaubt, dass wir diese Einrichtung heute haben, dass wir das schaffen werden. Vor einem Jahr stand hier noch ein baufälliges Wohnhaus, jetzt haben wir eine moderne Tagespflege mitten im Dorf. Sie heißt passenderweise auch „Mittendrin“, liegt mitten zwischen den beiden Verbandsgemeinden Altenahr und Adenau, ist mitten in der Gesellschaft verortet, wird sehr gut angenommen.

„Ich wollte nur, dass der Albtraum endet“

Dr. Stefanie Nacke ist Ärztin und hatte bis zur Flutkatastrophe 2021 eine eigene Praxis in Altenahr unmitelbar an der Ahr. In der Nacht des Hochwassers brachte sich die junge Ärztin beim Versuch, ihre Patientenakten zu retten, selbst in Lebensgefahr und musste die Nacht im Hang neben ihrer Praxis verbringen.

action medeor hat ihr und ihrem Team Ersatzräume in einer Containeranlage in Kalenborn zur Verfügung gestellt, damit sie wenige Wochen nach der Katastrophe wieder behandeln konnten. „Welches Ausmaß die Katastrophe hatte, ist mir erst viel später bewusst geworden“, erinnert sich die Medizinerin im Gespräch mit Markus Bremers. 

Was war damals Ihre Vorstellung davon, wo Sie in fünf Jahren stehen würden?

Keinerlei Vorstellung, auch keine Gedanken daran verschwendet. Wenn wir alle gewusst hätten, wie lange sich der Wiederaufbau der äußeren und inneren Schäden hinzieht – wer weiß, ob wir dann den Mut gehabt hätten, es zu beginnen.

Welche Bedeutung hatte in der ersten Phase die Unterstützung von action medeor?

Zu action medeor habe ich im August Kontakt bekommen. Die Mitarbeiterinnen von action medeor und Apotheker ohne Grenzen waren die einzigen organisierten Helfer, die gefragt haben: Was macht Ihr, was habt Ihr vorher gemacht, was braucht Ihr, um weiterzumachen?

Wie wäre die Situation gewesen, wenn es diese Hilfe nicht gegeben hätte?

Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Ich weiß nicht, was ich ohne die Unterstützung von action medeor gemacht hätte. Selber eine Unterkunft für eine Praxis suchen? Aufgeben? Ich hätte jedenfalls ohne diese Hilfe nie so schnell die hausärztliche Versorgung wieder aufnehmen können.

„Wir konnten ab Tag eins weiterarbeiten“

Auch Inge Göttling war als Apothekerin in Altenahr von der Flutkatastrophe betroffen. Am ersten Tag nach dem Jahrhunderthochwasser versorgte sie ihre Patient:innen notdürftig mit Medikamenten und führte ihre Apotheke provisorisch weiter.

Auch der Pharmazeutin konnte action medeor helfen und ebenfalls für Ersatzräume sorgen. „Ein Mitarbeiter saß seit dem Beginn der Katastrophe mit seinen Eltern auf dem Hausdach und hatte noch keine Chance, dem zu entkommen. Dafür eine Lösung zu finden, darum kreisten meine Gedanken“, blickt Göttling im Interview mit unserem Pressesprecher zurück.

Was war damals Ihre Vorstellung davon, wo Sie in fünf Jahren stehen würden?

Ich dachte, dass wir in ein bis zwei Jahren die Schäden der Flut behoben hätten und wir wieder in unserer schönen Burg Apotheke an der Ahr sein würden. Aber am Ende ist es ganz anders gekommen. Es hat alles viel, viel länger gedauert, auch unsere Apotheke in Altenahr haben wir nicht wieder eröffnen können. Aber wir haben jetzt eine neue Apotheke in Ahrbrück. Daran hätte ich vor fünf Jahren nicht gedacht.

Welche Bedeutung hatte in der ersten Phase die Unterstützung von action medeor?

Wir konnten durch die Hilfe von action medeor ab Tag eins arbeiten und die Bevölkerung ordnungsgemäß mit Arzneimitteln versorgen. Es gab zu Beginn Null Infrastruktur und Null Routine. Jeder kleinste Schritt musste wieder ganz neu aufgebaut werden. Viele Menschen wussten noch nicht einmal mehr, welche Medikamente sie eingenommen hatten.

Die Menschen im Ahrtal waren nicht mobil, es gab keine Fahrzeuge, es gab kein Telefon, kein Internet. Auch der Kontakt zu den Ärzten war nicht immer möglich. Durch die große Unterstützung von action medeor konnten wir sehr schnell sichere Routinen aufbauen und die Bevölkerung wie gewohnt versorgen. Das war sehr hilfreich und von unschätzbarem Wert in dieser Phase.

Wie wäre die Situation gewesen, wenn es diese Hilfe nicht gegeben hätte?

Ohne Hilfe von außen wäre es äußerst schwierig gewesen, den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Die allerersten Tage sind wir mit einer Art Notapotheke im Pfarrhaus von Altenahr in einem abschließbaren Raum gewesen der etwa 16 Quadratmeter groß war. Wir hatten vier Stunden am Tag geöffnet, von einem Getränkehändler hatten wir einen Lebensmittelkühlschrank zur Verfügung gestellt bekommen. Das war in dieser Art natürlich nur einige Tage möglich. Was danach sein würde, wussten wir nicht. Ohne die Hilfe von action medeor hätten wir beim besten Willen niemals ohne Unterbrechung tätig sein können.

Welche Bedeutung hat die pharmazeutische Versorgung für die Menschen hier in der Region?

Wir sind auf einer Strecke zwischen Adenau und Ahrweiler die einzige Apotheke, das sind ca. 50 Kilometer. Ohne Apotheke wären die Menschen ohne Arzneimittelversorgung gewesen, das hätte zu schwersten medizinischen Problemen geführt. Wir haben beispielsweise eine Patientin mit Kurzdarmsyndrom. Sie war auf kontinuierliche und regelmäßige Versorgung mit gekühlter künstlicher Ernährung angewiesen, um zu überleben. Hätten wir die Versorgung nicht sicherstellen können, hätte sie andernorts oder in einem Krankenhaus untergebracht werden müssen.

Neue Hoffnung nach der Katastrophe

Auch wenn Uwe Szymanski, Stefanie Nacke und Inge Göttling noch immer im Wieder- bzw. Neuaufbau ihrer Gesundheitseinrichtungen und -dienste sind, so sind sie sehr dankbar für die Unterstützung von action medeor. „Für uns war es ein Glück, in so toller Weise durch action medeor unterstützt zu werden. Danke“, so Nacke. „Wir sind so dankbar für die vielen Spenden, die wir erhalten haben. Das gilt nicht nur für uns als ambulanter Pflegedienst, sondern auch für die gesamten Menschen in der Region“, richtet sich Szymanski auch an die zahlreichen Spender:innen, die Anteil am Schicksal der Flutbetroffenen nahmen. 

Doch damit wir auf Notlagen weltweit, wie die im Ahrtal, reagieren und liefern können, was Leben rettet, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen. Gemeinsam tragen wir dazu bei, dass medizinische Hilfe dort ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

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