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Betrieb eines Beratungszentrums für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen im Hochland Guatemalas

© action medeor / PIES de Occidente

In den vergangenen Jahren hat die COVID-19 Pandemie zu einer drastischen Verschlechterung der Lebenssituation vieler Familien in Guatemala geführt und bestehende wirtschaftliche und soziale Verwerfungen vertieft. Die Häufigkeit der multidimensionalen Armut hat besonders in ländlichen Gebieten stark zugenommen und trifft vor allem indigene Gemeinschaften.

Gesundheitsdienste und insbesondere die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen wurden hintenangestellt, um der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie Vorrang zu geben. Der weltweite Trend der Zunahme geschlechtsbasierter Gewalt (GbV) unter den Einschränkungen der Pandemie zeichnet sich auch in Guatemala ab – im Jahr 2021 wurden landesweit 543 Femizide gemeldet, täglich gingen durchschnittlich 227 Anzeigen wegen Gewalt gegen Frauen und fünf Meldungen zu vermissten Frauen ein.

Die Projektregion Totonicapán

Totonicapán liegt im westlichen Hochland Guatemalas und hat eine Gesamtbevölkerung von 418.560 Einwohner:innen. 98 % der Einwohner:innen, die meist in ruralen Gebieten leben, bezeichnen sich selbst als Angehörige des Maya.

Das Department war während der Pandemie-Jahre überwiegend im Lockdown, was neben einem gravierenden wirtschaftlichen Einbruch bei vielen Familien zu innerfamiliären Spannungen und häuslicher Gewalt führte. Im Jahr 2021 wurden allein im Department Totonicapán 1.058 Anzeigen wegen GbV erstattet (Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, häusliche Gewalt, Femizide) . Die Dunkelziffer der Gewaltverbrechen gegen Frauen dürfte wesentlich höher liegen, da gerade diese Art von Straftaten aufgrund von Stigmatisierung, mangelnder Unterstützung für Betroffene und mangelndem Wissen über die Anzeigewege oft nicht gemeldet wird.

Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen wagten viele Betroffene nicht, die Wohnung zu verlassen, oder hatten infolge der Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs keine Möglichkeit, sich an entsprechende Stellen zu wenden, um Hilfe zu erbitten oder Anzeige zu erstatten. Viele waren über Monate hinweg physischer und psychischer Gewalt und sexuellen Übergriffen ihrer Aggressoren ausgesetzt.

Das Projekt: Betrieb eines Frauenberatungszentrums und Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen

Durch die Schulschließungen seit 2020 waren und sind Kinder beiderlei Geschlechts in der ohnehin in einer Gewaltspirale verhafteten Projektregion verstärkt von körperlicher Gewalt betroffen und insbesondere minderjährige Mädchen der Gefahr sexueller Übergriffe ausgesetzt: In Totonicapán wurden im letzten Jahr insgesamt 2.125 Schwangerschaften und Geburten von jungen Müttern im Alter von 10 bis 19 Jahren registriert, 51 davon von Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren. Die meisten Teenager-Schwangerschaften werden als Folge von sexueller Gewalt betrachtet, die fast immer von männlichen Familienmitgliedern ausgeht.

Die durch die COVID-19 Pandemie deutlich zum Negativen veränderte Lage der Frauen und Mädchen im Hochland Guatemalas veranlasste action medeor und das BMZ zur weiteren Finanzierung des im Vorprojekt aufgebauten Frauenberatungszentrums in Totonicapán und einer Ausweitung der Projektaktivitäten: Neben psychologischer, medizinischer, sozialer und legaler Betreuung von Frauen und Mädchen, die Gewalt erfahren haben, wurden zusätzliche Maßnahmen zur Verbesserung der finanziellen Situation und Ernährungssicherheit der Zielgruppe eingeführt. Im Department leben sechs von zehn Familien mit weniger als zwei Dollar pro Tag, für das Department Totonicapán wird die chronische Unterernährung von Kindern auf 70 % beziffert. Familien alleinerziehender Frauen in der Projektregion sind besonders betroffen, zumal sie wenig Möglichkeiten haben, außerhalb des Hauses produktiv tätig zu werden und Einkommen zu generieren. Daher werden für die Nutzerinnen des Frauenberatungszentrums Kurse angeboten, in denen sie Fähigkeiten erlernen, um wirtschaftlich aktiv und finanziell unabhängig von ihren Ex-Partnern zu werden.

Neben diesen konkreten Maßnahmen zur Betreuung und Stärkung der Frauen in der Projektregion beinhaltet das Projekt zusätzlich Maßnahmen mit dem Ziel, für die Prävention von Gewalt gegen Frauen auch in der Politik und Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erzielen - unter anderem durch die Zusammenarbeit mit der meist männlich besetzten indigenen Selbstverwaltung des Departments sowie mit Justiz und Behörden und Politik, aber auch durch Informations- und Sensibilisierungskampagnen per Radio und Social Media.

Projektinformationen

Projektinhalt
Prävention von geschlechtsbasierter Gewalt sowie integrale Betreuung für Frauen und Mädchen in Totonicapán, Guatemala
Projektgebiet
Totonicapán, Guatemala
Projektbeschreibung
  • Umfassende Versorgung von Gewaltopfern im CAIMUS Beratungszentrum in Totonicapán und legaler Begleitung der Frauen bei der Strafverfolgung
  • Psychologische Einzel- und Gruppentherapien, die traditionelle Heilmethoden der Maya einbeziehen
  • Maßnahmen, um die ökonomische Lage und Ernährungssituation der Frauen und deren Kinder zu verbessern
  • Der Ernährungsstatus von Kindern bis 13 Jahre wird überwacht, wenn nötig wird Ernährungssupplementierung verabreicht
  • Kommunikationskampagne zu Gewalt gegen Frauen, Frauenrechten, Genderrollen und „Positive Männlichkeit“, weitere Bekanntmachung der Betreuungswege und des CAIMUS-Zentrums Totonicapán und angrenzenden Munizipien (Radio, Social Media, Informationsmaterial)
  • Schulungen zum Themenkreis von Gewalt gegen Frauen richten sich u.a. an die indigene kommunale Selbstverwaltung des Departments. Eine breit angelegte Advocacy-Kampagne im Verbund mit weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren des Departments und darüber hinaus soll Gewalt gegen Frauen weiter thematisieren; die Übernahme von Verantwortung zur Betreuung von Opfern soll im Department weiter verbessert und gerade auch auf Ebene der indigenen Selbstverwaltung verankert werden.
Projektlaufzeit
Dezember 2022 – November 2025
Projektvolumen
880.858 Euro
Partner
PIES de Occidente
Projektförderer
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Projektnummer
6000231
Verantwortlich für
das Projekt
Andrea Drost