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Hingeschaut Weltmädchentag: Eine bessere Zukunft für Benedicte

Auf einer ihrer Projektreisen lernte action medeor-Mitarbeiterin Eva Hall die damals 16-jährige Benedicte kennen.

Auf einer ihrer Projektreisen lernte action medeor-Mitarbeiterin Eva Hall die damals 16-jährige Benedicte kennen. © action medeor

Seit 2010 engagieren sich action medeor und die lokale Organisation Petite Soeur à Soeur in Togo für eine bessere Zukunft für Mädchen.

Benedicte

Regelmäßig besucht action medeor-Mitarbeiterin Eva Hall das Projekt. Auf einer dieser Reisen im Jahr 2016 lernte sie Benedicte kennen, die während eines Projektbesuches im vergangenen Jahr von Sozialarbeiter Dénis in unser Projekt gebracht wurde. Benedicte kommt aus dem kleinen Dorf Alhéridé in der Zentralregion Togos. Als sechstes Kind einer Großfamilie mit sieben Geschwistern konnten die Eltern Benedicte den Schulbesuch nicht regelmäßig ermöglichen. Benedicte hatte mit 16 Jahren gerade einmal die vierte Klasse abgeschlossen. Sie berichtete, dass es mit der Schule nicht mehr voran ging, da sie mit 16 ein sehr niedriges Niveau im Gegensatz zu ihren Mitschülern hatte. Als sie dann in ihrem Dorf von einer sogenannten „Baga“, einer Menschenhändlerin, angesprochen wurde, ob sie nicht nach Gabun kommen möchte, um dort zu arbeiten, zögerte Benedicte nicht lange. Sie wusste nicht, um welche Arbeit es sich genau handeln würde – aber die Aussicht auf einen Verdienst und der Mangel an anderen Zukunftsperspektiven ließen sie nicht lange zögern. Bereits am folgenden Tag brach sie zum Treffpunkt auf, ohne ihrer Familie von ihrem Plan zu berichten.

Gabun

Zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen wurde Benedicte in einem kleinen Transporter in die Hauptstadt Lomé gebracht. Dort wurden sie drei Wochen in einem Haus festgehalten, viele der Kinder waren erst zehn bis zwölf Jahre alt.  Die Kinder, die weinten, wurden geschlagen, deshalb weinte Benedicte nicht. Eines Nachts wurde Benedicte mit etwa 200 anderen Jugendlichen auf ein kleines Holzboot gebracht. Benedicte wollte nicht viel über die Überfahrt sagen, außer, dass sie schreckliche Angst hatte und es kaum Verpflegung gab.

In Gabun angekommen wurde das Boot bereits am Strand von der Polizei erwartet. Die Menschenhändler hatten aber noch genügend Zeit zu fliehen, die Jugendlichen wurden in Gabun in Sammellager gebracht. Benedicte verbrachte noch zwei Monate in Gabun, bis sie in ihre Heimat Togo zurückgeführt werden konnte. Hier wurde sie in die Obhut des Sozialarbeiters Dénis gegeben, der sie an die Partnerorganisation Petite Soeur à Soeur (PSAS) vermittelte.

Eine zweite Chance

action medeor hingeschaut benedicte 2 sDurch den Kontakt zu PSAS und das gemeinsame Projekt mit action medeor eröffnete sich für Benedicte eine neue Zukunftsperspektive – unterstützt durch das Projekt wird sie eine Ausbildung zur Schneiderin absolvieren. Über das Projekt wurde ihr sowohl der Ausbildungsvertrag gezahlt, sowie auch die im Land übliche Gebühr für den Ausbildungsbetrieb und ein Taschengeld für ihren Lebensunterhalt. Wenn sie ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, wird sie durch das Projekt mit einer Nähmaschine, Schere, Stuhl und Tisch ausgestattet, um sie im Start in eine Selbstständigkeit zu unterstützen.

Nach einem knappen Jahr konnten wir Benedicte wieder besuchen und haben nachgeschaut, wie es ihr ergangen ist und ob sie weiterhin ihrer Ausbildung nachgeht. Inzwischen wohnt sie bei ihrem älteren Bruder und ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit in der Schneiderwerkstatt.  Sie ist sehr glücklich über ihren Ausbildungsplatz und möchte gerne nach ihrer Ausbildung eine eigene Schneiderei eröffnen.

 

Hintergrund

Ein Mädchen in Togo, welches nicht über die finanzielle Unterstützung seitens der Familie verfügt, hat recht überschaubare Zukunftsaussichten: die knappen Mittel werden in der Regel für die Ausbildung der männlichen Familienmitglieder investiert, für die Mädchen bleibt nach der vierjährigen Grundschulzeit meist nur die Aussicht auf eine Heirat oder die Arbeit als Hausmädchen. Viele von ihnen werden ins Ausland oder die Hauptstadt Lomé geschickt oder verlassen ihre Dörfer, um nicht verheiratet zu werden. Einmal von zu Hause weg, sind die Mädchen jedoch auf sich allein gestellt und ständig von Ausbeutung und Ausnutzung bedroht. Nicht selten passiert es, dass Mädchen durch Menschenhändler verschleppt, versklavt oder sexuell ausgebeutet werden. Die Organisation PSAS ermöglicht es diesen Mädchen, die über keine finanziellen Ressourcen verfügen, trotzdem eine Ausbildung zu absolvieren und sich eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Neben der finanziellen Unterstützung begleitet PSAS die Mädchen während ihrer Ausbildung intensiv, klärt sie über sexuelle und reproduktive Gesundheit und über ihre Rechte auf. Die Mitarbeiter von PSAS vermitteln bei Problemen mit dem Ausbilder und setzen sich für ein besseres Verhältnis zwischen Ausbilder und Auszubildenden ein. Durch die verschiedenen Maßnahmen wird gewährleistet, dass die Mädchen die Ausbildung nicht frühzeitig abbrechen oder auch während der Ausbildung schwanger werden. In Togo ist die Ausbildung eine sehr „harte“ Zeit, in der die Jugendlichen kaum verbale oder finanzielle Anerkennung durch den Ausbilder erhalten. Dadurch besteht ein hohes Risiko, dass die Mädchen auf der Suche nach dem „schnellen Geld“ die Ausbildung abbrechen, oder sich auf einen Mann einlassen, der ihnen eine schöne Zukunft verspricht.