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Freunde besuchen Kolumbien: Gewaltopfer stärken

In Kolumbien leiden Millionen Menschen unter Gewalt und Vertreibung. Christina Padilla hat die Betroffenen besucht.

Seit 50 Jahren tobt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen Guerillagruppen und der Regierung. Dabei wurden tausende Menschen getötet und Millionen gezwungen, ihre Heimatorte zu verlassen. Frauen indigener und afrokolumbianischer Herkunft sind besonders stark von Vertreibung, Armut, Gewalt und Diskriminierung betroffen. Vom 4. bis zum 12. Juli 2015 bin ich nach Kolumbien gereist, wo action medeor gemeinsam mit der kolumbianischen Organisation Taller Abierto Beratungen und Fortbildungskurse für betroffene Frauen anbietet, um sie über ihre Rechte aufzuklären und ihnen einen Weg aus dem Kreislauf aus Armut und Gewalt aufzuzeigen.

Gewalt als Dauerzustand

Zu Beginn meiner Reise sind wir nach Villagorgona in der Region Valle del Cauca gefahren, wo ich Luz Maidelis, Liliana und Nancy kennengelernt habe. Die drei Frauen, die bereits an unseren Kursen zu sexuellen Rechten und Gewaltprävention teilgenommen haben, berichteten mir, dass die Gewalt in ihrem Umfeld kaum auszuhalten sei. Nancy fing im Gespräch an zu weinen und erzählte von Frauen, die in ihrer Gemeinde von ihren Ehemännern umgebracht worden waren, weil sie diese angeblich betrogen hätten. Besonders erschütterte mich, dass die Frauen auch von staatlicher Seite diskriminiert werden: Liliana berichtete mir, dass sie mit ihrer Nichte zur Schwangerschaftskontrolle im staatlichen Gesundheitszentrum gegangen sei. „Der Gynäkologe wollte sie nicht untersuchen. Er sagte, dass sie sowieso ein krankes Kind zur Welt bringen und danach sofort wieder schwanger werden würde, also sei es Zeitverschwendung.“

kolumbien2 sTrotz dieser bedrückenden Schilderungen konnte ich an diesem Tag auch etwas Positives mitnehmen: Es war deutlich erkennbar, dass unsere Fortbildungskurse die Frauen gestärkt und ermutigt haben, für ihre Rechte einzustehen. So hat Liliana einen Brief an den Bürgermeister geschrieben, in dem sie sich über den Gynäkologen beschwert, der ihre Nichte nicht untersuchen wollte. Und Luz Maidelis erzählte, dass sie nun andere Frauen motiviert, ihre Rechte einzufordern und sich nicht alles gefallen zu lassen.

Tränengas gegen Dorfbewohner

Zwei Tage später fuhren wir in das Dorf Huellas. Dort versuchen viele Indigene, ihr Land zurückzubekommen, von dem sie vertrieben wurden, aber es kommen immer wieder Soldaten, die sie gewaltsam vertreiben. Auf dem Weg zu einem Treffen der indigenen Gemeinde haben wir plötzlich bewaffnete Soldaten gesehen, die auf Anwohner geschossen und Tränengas eingesetzt haben. Das war ein ganz schöner Schock, denn die Soldaten waren nur einige Meter von uns entfernt. Wir haben unseren Weg trotzdem fortgesetzt und uns mit den Gemeindevertretern getroffen. Zuerst war alles ruhig, aber dann wurden die Teilnehmer unruhig, uns tränten die Augen und wir mussten die Versammlung unterbrechen. Anscheinend waren die Soldaten wieder näher gekommen und haben erneut Tränengas eingesetzt. Mir ist nichts passiert, aber es war sehr traurig, wie solche Situationen das Leben der Menschen bestimmen und dazu geführt haben, dass Gewalt zum Alltag gehört und als „normal“ empfunden wird.

Buenaventura: Zukunftsperspektiven für Jugendliche

kolumbien3 sDie letzte große Station meiner Reise war Buenaventura. Buenaventura liegt am Pazifik und ist eine der gefährlichsten Städte Kolumbiens mit einer sehr hohen Mord-, Gewalt- und Kriminalitätsrate. Viele Kinder und Jugendliche gehören kriminellen Banden an, die das ganze Leben dort beherrschen. Unsere Partnerorganisation Taller Abierto hat es sich zum Ziel gesetzt, die Jugendlichen zu stärken und ihnen friedliche Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Bei meinem Besuch habe ich Verónica, Mayorli, James, Washington, Walberto und Luis getroffen. Sie waren echt klasse und haben erzählt, dass sie, bevor sie Taller Abierto kennengelernt haben, nur zu Hause oder auf der Straße rumhingen. Jetzt sehen sie jedoch eine Alternative und möchten zu einer friedlichen Entwicklung der Stadt beitragen. Sie haben ein Theaterstück einstudiert und teilen auf diese Weise als „Friedenspromotoren“ ihr gelerntes Wissen mit anderen.

Die Angst überwinden

In Buenaventura habe ich auch Luísa kennengelernt, die mir erzählte, dass sie täglich von ihrem Mann vergewaltigt und geschlagen worden sei. Er habe gedroht, ihren Kindern etwas anzutun, wenn sie es jemandem erzählt. Diese Situation hat sie jahrelang ertragen, ehe sie von den Fortbildungen von Taller Abierto erfahren hat. Sie besuchte einen Kurs und setzte sich zunächst in die letzte Reihe, immer mit einem Kopftuch, um ihr misshandeltes Gesicht zu verstecken. Am Ende des Kurses ist sie zu Milena, der Anwältin von Taller Abierto, gegangen und hat sie gebeten, sie zu begleiten, um ihren Mann anzuzeigen. „Ich hatte nicht mehr so viel Angst und wusste nun, dass meine Familie beschützt wird, wenn ich ihn anzeige“, erklärte sie mir. Milena sagte mir, dass sie solche Erfolge immer wieder in ihrer Arbeit bestätigten und sie Luisas Geschichte sogar mit anderen teile, um sie zu ermutigen, nicht alles zu ertragen. So hat jeder seine Geschichte. Am Ende unseres Treffens mit den Jugendlichen und Frauen waren sie sehr stolz, dass ich zu ihnen nach Buenaventura gekommen bin, obwohl die Stadt sehr gefährlich ist, und haben Taller Abierto und action medeor für die Unterstützung gedankt.